Nachhaltig investieren mit SRI-ETFs – und warum das komplizierter ist als gedacht
Die Anzahl der verfügbaren ETFs suggeriert, dass man jeden Anlagebereich abdecken kann, auch nachhaltiges Investieren. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man darunter: im Sinne der Umwelt handeln, in Unternehmen investieren, die etwas „Gutes" tun. Windräder, Solarkraftwerke, saubere Technologie usw.
Auf der Suche nach dem passenden ETF stößt man schnell auf SRI: Socially Responsible Investment. Das klingt vielversprechend und auch die offizielle Beschreibung des MSCI World SRI Index macht Hoffnung:
„The index provides exposure to companies with outstanding ESG ratings and excludes companies whose products have negative social or environmental impacts."
Ein perfektes Match, könnte man meinen. Bis man eine Detailebene tiefer geht.
Was steckt wirklich im MSCI World SRI Index?
Schaut man sich die größten Positionen an, fällt auf: NVIDIA ist mit rund 10% gewichtet, Tesla mit rund 5% (Stand Juni 2026). Zusammen machen diese beiden Unternehmen also etwa 15% des gesamten Index aus.
Nun gibt es zwei Möglichkeiten der Interpretation: Entweder man gibt sich damit zufrieden und stimmt zu, dass es sich hier um verantwortungsvoll wirtschaftende Unternehmen handelt. Oder diese Auswahl wirft Fragen auf.
NVIDIA: Enabler oder Problem?
NVIDIA ist zweifellos eines der erfolgreichsten Unternehmen der letzten Jahre und auf den ersten Blick ein plausibler SRI-Kandidat. Keine fossilen Brennstoffe, keine Waffenproduktion, starkes ESG-Rating. Soweit, so gut.
Der Haken liegt im Geschäftsmodell: NVIDIA ist der führende Hersteller von GPUs, die das Rückgrat der KI-Infrastruktur bilden. Und KI hat einen Hunger auf Strom, der schwer zu ignorieren ist. Laut Quarks sorgen Rechenzentren bereits heute für 1,5% des weltweiten Energiebedarfs, mit einem jährlichen Wachstum von rund 12% seit 2017. Der spezifische Anteil von KI daran lässt sich kaum sauber isolieren, die Richtung ist aber eindeutig.
Besonders pikant: Der steigende Energiebedarf führt dazu, dass in den USA stillgelegte Atomkraftwerke wieder ans Netz gehen, u. a., um Rechenzentren zu versorgen, wie die Tagesschau berichtet. Das ist eine direkte Konsequenz des KI-Booms, an dem NVIDIA maßgeblich beteiligt ist.
Auf der anderen Seite gibt es durchaus ein Gegenargument: KI könnte helfen, Stromnetze effizienter zu steuern und erneuerbare Energien besser zu integrieren. Die EU arbeitet bereits an entsprechenden Ansätzen. Technologie als Teil des Problems, aber möglicherweise auch als Teil der Lösung.
Was jedoch schwerer wiegt: NVIDIA beliefert das Pentagon mit KI-Hardware, die im militärischen Kontext eingesetzt wird. Zusammen mit OpenAI, Google und weiteren Unternehmen hat NVIDIA laut Forbes einen Deal mit dem US-Verteidigungsministerium für klassifizierte militärische Anwendungen unterzeichnet. Ob das mit dem SRI-Gedanken vereinbar ist, muss jeder für sich entscheiden, aber die Frage sollte man sich stellen.
Tesla: Die Governance-Frage
Tesla steht für eine Idee, die im Kern absolut SRI-kompatibel ist: die Elektrifizierung des Individualverkehrs und die Beschleunigung der Energiewende. Das Unternehmen hat maßgeblich dazu beigetragen, E-Mobilität salonfähig zu machen.
Das Problem sitzt an der Spitze. Elon Musk hat sich in den letzten Jahren zunehmend politisch exponiert, sein Engagement in der Trump-Regierung polarisiert stark, und sein Führungsstil bei Tesla wirft wiederholt Governance-Fragen auf. Von zweifelhaften Vergütungspaketen bis hin zu impulsiven öffentlichen Aussagen, die den Aktienkurs bewegen. Auch Berichte über Arbeitsbedingungen in Tesla-Werken passen nicht zum sozialen „S" in SRI. Hinzu kommen die ökologischen Schattenseiten der Batterieproduktion: Lithiumabbau und Lieferkette sind alles andere als makellos.
Die Mission stimmt. Die Umsetzung und die Person an der Spitze geben Anlass zur Skepsis.
Fazit: SRI ist kein Freifahrtschein
Was bleibt? Der MSCI World SRI Index schließt tatsächlich viele problematische Branchen aus, was schon sehr viel wert ist. Aber innerhalb des verbleibenden Universums entscheiden ESG-Ratings darüber, wer aufgenommen wird. Und diese Ratings haben blinde Flecken: Sie sind je nach Anbieter unterschiedlich, oft intransparent und messen häufig rückwärtsgewandt. Dass NVIDIA trotz steigendem KI-Strombedarf und Pentagon-Deal als ESG-stark gilt, ist ein Beispiel dafür.
Zur Performance: Der SRI-Index hat in manchen Jahren den MSCI World geschlagen (2023, 2021, 2020), in anderen deutlich nicht. 2025 lag er mit rund 14% gegenüber 21% beim regulären MSCI World spürbar hinten. Die Rendite ist also kein Selbstläufer, und die ethische Überlegenheit auch nicht.
Wer wirklich nachhaltig investieren möchte, kommt nicht darum herum, das Portfolio selbst zu hinterfragen, nicht nur das Label.
Quellen & weiterführende Links
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